Fotografieren mit dem Stativ macht schärfere Fotos

Zugegeben, ich nutze das Stativ selbst viel zu selten, da ich mich bei Model-Aufnahmen gerne ums Model bewege und bei Hochzeitsreportagen flexibel bleiben muss, damit ich keinen wichtigen Moment verpasse. Aber es gibt Situationen im Leben eines Fotografen, bei denen ein Stativ sehr nützlich ist. Stelle dir beispielsweise vor, du musst ein Portrait für ein Wahlplakat machen, das später in den Bahnhöfen aufgehängt wird. Da ist es wichtig, dass deine Aufnahme möglichst scharf ist und keine «Verwackler» sichtbar sind.

Ein klassischer Missgriff, den viele Hobbyfotografen anfangs machen, ist der Umstand, dass sie als zuerst ein zu kleines, leichtes und minderwertiges Stativ kaufen. Die Überlegung ist verständlich: ein grosses, stabiles Stativ ist schwer und kostet mehr. Doch diese billigen Stative, welche vielfach zusammen mit einem fummeligen Stativkopf angeboten werden, nützen leider oftmals nicht sehr viel, wenn man sie in Kombination mit einer grösseren Kamera und einem schweren Objektiv verwendet. Darum meine Empfehlung: kaufe dir von Anfang an ein qualitativ hochwertiges, stabiles Stativ. Wenn du zudem Menschen damit portraitieren möchtest, dann schaue, dass es auch die entsprechende Arbeitshöhe bietet. Falls du damit verreisen möchtest, dann beachte das Packmass. So gibst du letzten Endes weniger Geld aus, als wenn du dir zuerst eine billige Version kaufst. Ein gutes Stativ hält ewig.

Stativ trotz Bildstabi?

Bildstabilisierungssysteme verhindern, dass ein Fotograf – speziell, wenn er Bilder mit relativ langen Belichtungszeiten aufnimmt – durch sein eigenes Zittern die Aufnahmen verwackelt. Digitalkameras und Objektive mit Bildstabilisator gibt es seit Mitte der 90er Jahre. Sie sind inzwischen in den meisten neuen Kamerasystemen verbaut und bieten oft erstaunliche Verbesserungen. Eine tolle Sache und sehr praktisch. Trotz diesem technischen Fortschritt gilt die Aufnahme mit einem stabilen Stativ noch immer als der Königsweg, wenn man maximale Bildqualiät erreichen möchte. Interessanterweise haben lichtstarke Spitzenobjektive aus der Reihe Zeiss Otus oder Sigma Art keine Bildstabilisatoren verbaut. Sie verzichten damit auf bewegliche Linsenelemente in einer Optik, vermutlich um maximale Bildqualität mit bestmöglicher Zentrierung zu erreichen. Zudem sind diese Objektive schon ohne Bildstabi gross und schwer (zum Vergleich: das Nikon 85mm f/1.4G wiegt 595 g, das Zeiss Otus 85mm f/1.4 wiegt 1200 g und das Sigma Art 85mm f1.4 wiegt gar 1650 g).

Warum ein Stativ verwenden

Eine mit Sorgfalt ausgeführte Aufnahme wird praktisch immer mit Stativ gemacht. Gerade in der Makro- oder Produktfotografie, wo es oft um sauber arrangierte und gestochen scharfe Bilder geht, ist es nicht mehr wegzudenken. Stative bieten viele Vorteile. Hier drei wesentliche:

– Aufnahmen, die mit einem stabilen Stativ gemacht wurden, sind schärfer als Aufnahmen, welche unter gleichen Bedingungen aus der Hand gemacht wurden.

– Du kannst das Stativ für lange Belichtungszeiten bei der Fotografie von unbewegten Szenen nutzen, beispielsweise in der Landschafts- und Architekturfotografie oder wenn du mehrere Aufnahmen später zu einem Bild zusammenfügen möchtest (zum Beispiel HDR, Focus Stacking etc.)

– Du nimmst dir mehr Zeit für die Bildkomposition. Du kannst in Ruhe das Bild im Kameradisplay beurteilen und die Szene sorgfältig gestalten. Die Kameraposition bleibt immer gleich und du kannst zwischendurch sogar eine Kaffeepause machen.

Wer das letzte Quäntchen an Bildschärfe erreichen möchte, der verwendet für die Aufnahme mit dem Stativ einen Fern- oder Kabelauslöser oder nutzt den Selbstauslöser. Durch das berührungslose Auslösen werden keine Erschütterungen im Moment der Aufnahme verursacht. Für höchste Anforderungen an die Erschütterungsfreiheit nutzt man bei Spiegelreflexkameras zudem die Spiegelvorauslösung.

Vergleich mit und ohne Stativ

Früher galt die Faustregel, dass die Belichtungszeit für aus der Hand gemachten Aufnahmen zumindest dem Kehrwert der Brennweite entsprechen soll. Bei der Verwendung einer 50 mm Brennweite sollte somit eine Verschlusszeit von mindestens 1/50 s gewählt werden. Ich wollte das überprüfen und machte ein paar Aufnahmen mit einer Festbrennweite 85 mm bei einer Verschlusszeit von 1/80 s. Einmal mit Stativ und mehrere Male aus Hand. Ohne Stativ gab es bessere und schlechtere Aufnahmen. Tatsächlich gelang mir aber keine Aufnahme, die gleich scharf war, wie die Aufnahme mit Stativ.

Bildausschnitt (100%-Ansicht) zweier Aufnahmen: links mit Stativ sehr scharf und rechts ohne Stativ mit leichter Bewegungsunschärfe.

Was heisst das nun in der Praxis?

Dank moderner Kamerasysteme mit Bildstabilisatoren kommt man zwar glücklicherweise oft ohne Stativ aus. Es macht aber trotzdem noch immer Sinn, ein Stativ zu verwenden, wenn maximale Schärfe gefordert ist.

Stativ-Freak

Ein Bekannter von mir, der liebe O., ist vielleicht so etwas wie ein Old-School-Fotograf und ein Stativ-Liebhaber. Neben digitaler Fotografie belichtet er noch immer etwa 100 analoge Filme pro Jahr. Sogar Models fotografiert er nie ohne Stativ. Bei Aufnahmen mit Available light – also ohne künstliche Lichtquellen – nutzt er teilweise sehr langsame Verschlusszeiten, um nicht die ISO-Empfindlichkeit des Sensors hochzuschrauben (er geht aus Prinzip nie über ISO 100) oder um nicht sehr lichtempfindliche und körnige Filme in die analogen Kamera einzulegen. Dank einem schweren Stativ und der vorhergehender Instruktion des Models gelingen ihm so trotzdem scharfe Aufnahmen. Zudem hat er bei Model-Shootings mit offener Blende etwa 50 Prozent weniger Fokusfehler, da sich nur das Model leicht bewegt, nicht aber die Kamera auf dem Stativ. Und einen schiefen Horizont sieht man bei seinen Bildern ebenfalls nie.

Hausaufgabe

Klebe eine Zeitungsseite an eine Wand und fotografiere diese mit dem Kehrwert der Brennweite. Einmal mit Stativ, ein paar Mal ohne Stativ und falls vorhanden mit und ohne Bildstabilisator. Vergleiche danach die Bilder am Bildschirm in der 100%-Ansicht.

6 Kommentare
    • lukas.ruetschi@gmail.com
      lukas.ruetschi@gmail.com sagte:

      Es kommt ganz auf das Budget an. Ich persönlich habe ein grosses Gitzo Stativ, benutze es aber haubtsächlich für Landschaft in der Nacht oder mit Filter. Deshalb habe ich mir das Stativ auch einiges Kosten lassen, bin aber extrem zufrieden damit.

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  1. f.schefer@hotmail.com
    f.schefer@hotmail.com sagte:

    Ich verwende Stative bei Landschafts-, Panoramenfotos oder wo ich Zeit für die Bildgestaltung haben möchte.
    Bei Reportage Ähnlichem verwende ich eigentlich nie ein Stativ. Wenn ich die Kamera bei Konzerten auch zum filmen verwende, dann kann ich die Kamera zwar relativ ruhig halten, aber die Arme fallen mir dabei fast ab. Bei längeren Brennweiten ist ein einbeinstativ hilfreich.

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  2. toni.spescha@gmail.com
    toni.spescha@gmail.com sagte:

    Ich habe immer das Gefühl dass ich wesentlich kreativer bin wenn ich ohne Stativ fotografiere. LG Toni

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  3. reinhold@seher.ch
    reinhold@seher.ch sagte:

    Versuche immer ein Stativ zu verwenden, die Aufnahmen werden schärfer und ich kann das Bild in Ruhe komponieren. Den bildstabi schalte ich meistens ab. Ausnahmen sind bei der vogelfotografie dort ist die Beweglichkeit entscheidend und das Stativ schränkt mich Zuseher ein.

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  4. reinhard.buechele@aon.at
    reinhard.buechele@aon.at sagte:

    Habe früher im Studio immer mit Stativ fotografiert, auf einmal war ich der einzige in unserer Runde.
    Jetzt benutze ich das Stativ nur noch für Makroaufnahmen und Stilleben im Studio oder für Langzeitaufnahmen mit Graufilter.
    Werde aber sicherlich nach Durchlesen dieses Berichts wieder mal mit dem Stativ Porträtfotos machen. Allerdings nur im Studio.

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