Im Zusammenhang mit digitalen Spiegelreflexkameras (DSLR) hört und liest man ab und zu von Front- und Back-Fokus. Was heisst das und wie kann man den Autofokus (AF) einfach überprüfen und allenfalls korrigieren? Wichtig: falls dein Kamerasystem einen starken Fehlfokus aufweisen sollte oder du generell Probleme mit dem Autofokus hast, dann lasse dein Kamerasystem besser gleich vom offiziellen Kamera-Service überprüfen.

Zwei grundsätzlich unterschiedliche AF-Prinzipien kommen in heutigen Kameras zum Einsatz: DSLR nutzen einen speziellen AF-Sensor mit Phasen-Detektion. Diese Phasen-AF-Module sind besonders leistungsfähig, vernachlässigen aber den Bildrand. Spiegellose Systemkameras sowie Kompaktkameras (und Spiegelreflexkameras im Live-View-Modus) messen für das Fokussieren dagegen den Kontrast auf dem Bildsensor. Dieser Kontrast-AF kann selbst am Bildrand noch den Fokus messen. Das Thema AF-Systeme ist komplex und bei näherer Betrachtung wird es schnell kompliziert. Darum möchte ich bei diesem Blogbeitrag nicht weiter auf die Unterschiede eingehen und mich auf das Thema AF-Feinabstimmung bei Spiegelreflexkameras konzentrieren.

Fokusprobleme bei DSLR

Wird wie bei den DSLR die Schärfe nicht in der tatsächlichen Bildebene – also auf dem Bildsensor – ermittelt, sondern in einer vom Bildsensor unabhängigen Einheit, dem Phasen-AF-Modul,  kann es zu Fokussierungsfehlern bei der Entfernungseinstellung kommen. Gerade wenn man gerne mit lichtstarken Objektiven und offener Blende fotografiert, kann es bei DSLR vorkommen, dass der Fokus nicht ganz auf dem avisierten Punkt sitzt. Das kann unterschiedliche Gründe haben, beispielsweise Fertigungstoleranzen im Kamerasystem, Temperaturschwankungen, Verstellung durch Erschütterungen und Stösse etc. Darum sollte der Autofokus bei DSLR regelmässig überprüft werden. Neuere DSLR-Kameras verfügen über Autofokus-Korrekturfunktionen. Mit dieser Option kann man die Korrekturwerte für deine Kamera-Objektiv-Kombination abspeichern.

Front- und Back-Fokus

Der Autofokus-Sensor in DSLR erhält seine Bildinformationen über einen Hilfsspiegel und ermittelt daraus über eine elektronische Schärfemessung (Phasenvergleich) die Distanz zum Objekt und stellt das Objektiv entsprechend scharf. Da es sich dabei aber um ein komplexes elektromechanisches System handelt, kann es zum sogenannten Front- oder Back-Fokus kommen. Dabei kann der vom AF System ermittelte Fokuspunkt vor (Front) oder hinter (Back) dem Objekt liegen, welches scharf dargestellt werden soll. Im Gegensatz zum Phasenautofokus bei DSLR kann beim Kontrastautofokus der spiegellosen Kameras dieser Effekt nicht auftreten, da die Schärfe direkt im Bild des Sensors ermittelt wird.

Mit normalen Objektiven fokussiert man in die Mitte der Fokus-Testtafel. Für Makroobjektive kann man auch auf das kleine Quadarat neben der Skala fokussieren. SpyderLENSCAL empfiehlt für Testaufnahmen einen Abstand zwischen dem Testtool und der Kamera, der etwa dem 25-50-fachen der Brennweite entspricht. Ein Brennweite mit 50 mm kann somit mit einem Abstand zwischen 1,25 und 2.5 m getestet werden.

Überprüfen des Autofokus

Um einen Front- oder Backfokus feststellen zu können, muss man Testaufnahmen machen. Die Kamera und das Testtool müssen dabei sorgfältig horizontal ausgerichtet werden, denn die Genauigkeit der Fokusanpassung hängt natürlich auch von der Genauigkeit des Tests ab. Kamera und Testtool müssen die gleiche Höhe haben und zueinander gerade ausgerichtet sein. Zwischen Kamera und Testtool kann beispielsweise ein Abstand sein, der üblicherweise dem Fokussierabstand mit dem gewählten Objektiv entspricht (z.B. den üblichen Abstand zu einer Person, wenn du mit diesem Objektiv viele Portraits machst). Teste mit der Offenblende (kleinstmögliche Blendenzahl), um eine möglichst geringe Schärfentiefe zu erzielen. Das geht am besten im Modus Zeitautomatik (A, AV).

– Positioniere deine Kamera auf dem Stativ waagrecht und zentriert gegenüber dem Fokus-Testtool (z.B. SpyderLENSCAL).

– Stelle die Kamera auf Einzelfokus und wähle das zentrale Autofokusfeld manuell aus.

– Mache mehrere erschütterungsfreie Aufnahmen vom Fokus-Testtool und verstelle nach jeder Aufnahme den Fokus so, dass die Kamera wieder frisch fokussieren muss. So kannst du leichte Fokussiervarianzen ausschliessen.

– Wenn du genug Aufnahmen gemacht hast, schaust du dir die Bilder in der 100%-Ansicht an und überprüfst, ob der AF sein Ziel exakt erfasst hat. Die Skala auf dem Fokus-Tool zeigt dir, wie stark allenfalls ein Front- oder Backfokus abweicht.

– Im Menü deiner Kamera kannst du nun eine Autofokuskorrektur vornehmen und danach durch erneute Aufnahmen nochmals überprüfen.

– Wiederhole diesen Vorgang mit all deinen Objektiven und speichere die Werte entsprechend in den benutzerdefinierten Einstellungen deiner Kamera.

Nikon-Fotografen können weitere Details über die Verwendung der Funktion zur AF-Feinabstimmung im Handbuch oder hier nachlesen.(Link zu https://www.nikonimgsupport.com/eu/BV_article?articleNo=000006300&configured=1&lang=de

 

Justieren mit USB-Doc

Einzelne Objektivhersteller wie Tamron und Sigma bieten inzwischen USB-Docks an. Diese können an den PC angeschlossen werden, um so neuere Objektive mittels einer speziellen Software anzupassen und sie auf eure Bedürfnisse zu individualisieren. Beispielsweise können die Fokusparameter auf verschiedene Messpunkte justiert werden (und nicht nur einen einzigen Messpunkt) und sogar die Objektiv-Firmware kann damit aktualisiert werden. Dazu muss du das entsprechende Objektiv einfach via USB-Dock an einen PC anschliessen und die selbsterklärende Menüsteuerung auf dem Bildschirm nutzen.

Es gibt zudem noch diverse weitere Methoden und Tools wie beispielsweise das FoCal von www.reikanfocal.com oder das im englischen Sprachraum beliebte LensAlign Target mit der Software Focus Tune von www.michaeltapesdesign.com.

Da ich selber nur mit Originalobjektiven von Nikon arbeite, kenne ich diese USB-Docks nur vom Hörensagen. Sie sollen offenbar gut funktionieren.

Was heisst das nun in der Praxis?

Wenn du keine AF-Probleme mit deiner DSLR hast, dann brauchst du nichts zu unternehmen. Aber falls du dich vielleicht schon öfters darüber geärgert hast, dass bei Portraits mit offener Blende statt die Augen immer die Nase scharf ist, dann wird es Zeit, den Fokus zu überprüfen.

Hausaufgabe für DSLR-Besitzer

Schau in deinem Kamerahandbuch nach, ob es die Funktion der automatischen AF-Feinabstimmung im Kameramenü gibt. Wenn ja, nimm dein Lieblingsobjektiv und bestimme mit der Hilfe eines Fokus-Testtools, ob der Fokus passt. Falls du dir kein Tool anschaffen möchtest, kannst du es auch mit einer Bastellösung probieren. Hier kannst du gratis eine PDF-Datei herunterladen, ausdrucken und zu einem Fokus-Detektor falten https://www.traumflieger.de/desktop/fokusdetektor/fokusdetektor.php

Wie bereits erwähnt: falls du generell Probleme mit dem Autofokus hast, dann lasse dein Kamerasystem besser gleich vom offiziellen Kamera-Service überprüfen.

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